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14. Odebrecht-Symposium

Seit einigen Jahren lädt die Johanna-Odebrecht-Stiftung alle im psychiatrischen Bereich tätigen Berufsgruppen zum fachlichen Austausch über relevante Themen der psychiatrischen Versorgung nach Greifswald ein. Als Fachkrankenhaus für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie hat sich das Evangelische Krankenhaus Bethanien zur Aufgabe gemacht, diesen Austausch durch verschiedene Veranstaltungen zu fördern. Das traditionell jährlich stattfindende Odebrecht-Symposium soll eine Plattform dafür bieten. Dabei gilt es vor allem, Brücken zwischen Theorie und Praxis zu ermöglichen, bereits bestehende zu erhalten und zu stärken. Die sorgfältige Auswahl der Themen und Referenten orientiert sich dabei sowohl an aktuellen wissenschaftlichen Diskussionen als auch an den alltäglichen praktischen Herausforderungen, die sich aus der Behandlung, Versorgung und Betreuung von Menschen ergeben, die an psychischen Störungen oder psychiatrischen Erkrankungen leiden.

 

Da hierbei eine gute Zusammenarbeit auf allen Ebenen unabdingbar ist, ist es dem Evangelischen Krankenhaus Bethanien ein besonderes Anliegen, die regionale und überregionale Zusammenarbeit zu stärken, um eine umfassende Versorgung nach neuesten medizinischen und psychotherapeutischen Kriterien zu gewährleisten.

 

So war es eine große Freude der Veranstalter zum diesjährigen 14. Odebrecht-Symposium am vergangenen Mittwoch, dem 30. September 2015, zwei Referenten aus Kliniken in der Region MV und einen Referenten aus dem benachbarten Bundesland Brandenburg begrüßen zu dürfen. Das Thema hieß diesmal „Chronischen psychischen Störungen und Sucht“. Die drei Vorträge veranschaulichten diese besondere Herausforderung in der Psychiatrie insbesondere bei Psychosen, affektiven Störungen, Traumafolgestörungen und bei Persönlichkeitsstörungen, wo der Beikonsum von Suchtmitteln oder komorbide Suchterkrankungen häufig schwer berechenbare Komplikationen in der Behandlung mit sich bringen.

Nach der kurzen Begrüßung und Einführung durch den Chefarzt des Evangelischen Krankenhauses Bethanien Prof. Dr. Jens M. Langosch, begann Dr. Markus Stuppe, Chefarzt für Abhängigkeitserkrankungen des HELIOS Klinikums Schwerin, mit seinem Vortrag über die schwierige Verquickung von „Psychose und Sucht“. Nach einem differenzierten Überblick über die diagnostischen Feinheiten bei einer solchen Doppeldiagnose, die alle Diagnostiker meist schon zu Beginn vor eine Herausforderung stellt, wurden die entsprechenden Besonderheiten in der Behandlung sehr praxisnah veranschaulicht. Herr Dr. Stuppe scheute sich nicht, besonders heikle Fragen zum Umgang mit Drogenkosum an das Auditorium zu stellen und damit nicht nur die Diskussion auf dem Symposium, sondern auch das Nachdenken über komplizierte Themen über die Veranstaltung hinaus anzuregen. Fachlich fundiert wurde die Argumentation mit einschlägigen Studien, wodurch eine sehr schöne Überleitung zum nächsten Vortrag von Herrn Prof. Dr. Ulrich W. Preuß, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Kreiskrankenhaus Prignitz, gelang. Herr Prof. Preuß konnte durch die Überschneidung der Themen direkt in das Thema einsteigen so dass durch das Zuspiel der beiden Referenten eine spontane interaktive Atmosphäre entstand.

Der Vortrag über die „Komorbidität von Affektiven Störungen und Alkoholabhängigkeit“ nahm explizit Rückgriff auf die „S3-Leitlinien“, die eine Behandlung nach dem aktuellen medizinischen „State of the art“ abbilden soll. Die anschließende Kaffeepause wurde bei Kuchen und Schnittchen bereits intensiv zum weiteren Austausch in kleineren Runden genutzt. Doch auch der abschließende Vortrag von Prof. Dr. Hans-Jörgen Grabe, stellvertretender Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universitätsmedizin Greifswald, bot noch viele anregende Punkte zum Austausch und weiterdenken. Auch Prof. Dr. Grabe stellte in seinem Vortrag die Notwendigkeit einer differenzierten Betrachtung in der Behandlung von komorbider Sucht heraus. Beim Borderline-Syndrom und bei Traumafolgestörungen muss bei der Diagnostik und Behandlung besonders beachtet werden, welche Funktionalität der Suchtmittelkonsum für die jeweiligen Betroffenen hat und welches nicht-stoffgebundene Suchtverhalten insbesondere bei Borderline-Störungen gegebenenfalls in die individuelle Behandlung integriert werden muss.

Insgesamt lässt sich bei allen 3 Perspektiven aus denen das Thema „Chronische Psychische Störungen und Sucht“ beleuchtet wurde, die gemeinsame Haltung entnehmen, dass nicht immer die Suchtbehandlung vor der Behandlung der psychischen Störungen stehen muss und kann. Obwohl der kleinste gemeinsame Nenner für eine weitergehende Behandlung wohl eine abgeschlossene Entgiftung ist, kommt es für die individuelle Suchtbehandlung auf die psychische Beeinträchtigung an und für die Behandlung der psychischen Beeinträchtigungen auf den Einfluss des Suchtverhaltens. Es sind, wie Dr. Stuppe das Symposium eröffnete: „Zwei wie Pech und Schwefel“, Psychische Störungen und Sucht sind in der Behandlung einfach unzertrennbar. Das zu beherzigen, kann wohl als Quintessenz betrachtet werden, für den Umgang mit dieser Herausforderung in einem stark kategorisierenden System. Es scheint die große Herausforderung zu sein, in der individuellen Behandlung nach allen medizinischen, psychotherapeutischen und soziotherapeutischen Kriterien abzuschätzen, wo Halt gebende Strukturen eingehalten und wo „alle Augen zugedrückt“ werden müssen, um eine gute Versorgung zu gewährleisten.

Die Notwendigkeit intensiver Zusammenarbeit aller beteiligten Instanzen sowie von Kooperationen zwischen Wissenschaft und Praxis kann dabei nicht genug betont werden.

Aus diesem Grund ist das Evangelische Krankenhaus Bethanien an regelmäßigen Kooperationsprojekten mit anderen Kliniken und Universitäten interessiert (www.odebrecht-stiftung.de/krankenhaus/forschung.html). Zum aktuellen Thema passend sei eine Kooperationsstudie mit dem Institut für medizinische Psychologie der  Universität Greifswald zur „Wirksamkeit von Motivational Interviewing in der Rückfallprophylaxe bei Alkoholabhängigkeit“ erwähnt. Ein Zwischenbericht wird im November auf dem diesjährigen DGPPN-Kongress in Berlin vorgestellt.

 

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